(tho) Skepsis, Unsicherheit, aber auch praktische Erfahrungen und Folgen-Abschätzungen für den schwerberechenbaren Zukunftsfortschritt der Künstlichen Intelligenz (KI) haben gut 50 Interessierte zum Besuch „eines herausfordernden Abends“ im Pfarrsaal von Mariä Himmelfahrt veranlasst, so der einladende PGR-Sprecher Erich Liepold. Es interessierte sie, ob und wie Leo XIV. mit seiner ersten Enzyklika über und an „die von Gott geschaffene großartige Menschheit“ („Magnifica Humanitas“) in der Welt und bei uns Gehör finden kann.

Unter der Überschrift „Die Enzyklika des Papstes und die Künstliche Intelligenz“ erläuterte der Eichstätter Journalistik-Professor Klaus Meier, wie Leo XIV. das „KI-Zeitalter“ einordnet und zur Bewahrung des Menschlichen mahnt. Das 162 Seiten umfassende Lehrschreiben konnte an diesem Abend nicht vollständig analysiert werden (www.vatican.va/content/leo-xiv/de/encyclicals/documents/20260515-magnifica-humanitas.html). Daher Meier stellte fünf zentrale Impulse als Gesprächsbasis vor. Der Kommunikationswissenschaftler entwickelt als Vizepräsident der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt auch deren KI-Strategie mit. Eine rege, teils besorgte und stark praxisbezogene Debatte schloss sich an den Vortrag der Katholischen Erwachsenenbildung Eichstätt-Ingolstadt (KEB) an.
Enzykliken stellten „Verbindungen der Kirche zur Welt“ her, sagte Meier. Er sei überzeugt, dass Leo XIV. auch wegen seiner Herkunft aus den USA weltweit wahrgenommen werde: „Ich halte Leo XIV. für einen politischen Papst, der die weltweiten Machtfragen unserer Zeit verstärkt in den Griff nehmen will.“ Sein erstes Lehrschreiben sei eine Sozialenzyklika in der Tradition Leos XIII. Dieser hatte vor 135 Jahren in „Rerum novarum“ Menschenwürde, Gemeinwohl, Solidarität, Subsidiarität und soziale Gerechtigkeit als Grundlagen der katholischen Soziallehre formuliert. Leo XIV. übertrage diese Prinzipien auf die digitale Gegenwart.

KI imitiert Sprache und Verhalten und simuliert Verständnis und Empathie

Der Papst unterscheide menschliche von künstlicher Intelligenz. KI besitze „kein Gewissen“. Er verteufele die Technik nicht, sondern verstehe sie als Werkzeug, das dem Menschen dienen könne – etwa in Medizin, Bildung und für das Gemeinwohl. Ihre Leistung beruhe jedoch allein auf der Verarbeitung riesiger Datenmengen. Meier zitierte: „Künstliche Intelligenzen machen keine Erfahrungen, besitzen keinen Leib, empfinden weder Freude noch Schmerz, reifen nicht in Beziehungen, wissen nicht von ihrem Inneren her, was Liebe, Arbeit, Freundschaft und Verantwortung bedeutet.“ KI könne Sprache, Verhalten, Empathie und Verständnis imitieren und simulieren, verstehe aber nicht, was sie bewirke.

Zugleich entwickele sich KI so schnell, dass selbst Fachleute ihre Funktionsweise nicht immer vollständig nachvollziehen könnten. Meier verwies auf Warnungen von KI-Pionieren vor unkontrollierbaren Systemen. Der Papst spreche davon, dass KI nicht Stück für Stück „gebaut“, sondern eher „gezüchtet“ werde: Sie erhalte eine Systemarchitektur, in der sie sich entwickle.

Intellektuelle Souveränität sichern

Gerade deshalb müssten KI-Ergebnisse sorgfältig auf Wahrheit und Fehler geprüft werden. Regulierung werde immer dringlicher. Für Journalismus und Wissenschaft bleibe die eigenverantwortliche, gewissenhafte Arbeit entscheidend, sagte Meier: „Denk’ ich selber nach? Habe ich meine intellektuelle Souveränität bewahrt? Habe ich mein eigenständiges Denken gesichert und nicht preisgegeben?“
Auch in einem „Bildungsbündnis“ könne KI wertvolle Dienste leisten, wenn digitale Werkzeuge kritisch und verantwortlich genutzt würden. Leo XIV. warne vor Manipulation, Desinformation und der Verdrängung menschlicher Verantwortung. KI müsse dem Menschen dienen und demokratisch kontrolliert werden. Transparenz, Verantwortung und internationale Regeln seien unverzichtbar. Besonders eindringlich warne der Papst vor KI-gesteuerten Waffensystemen, die Angreifer und Opfer entmenschlichten, sowie vor Kommunikationskriegen.
Eine Zuhörerin fragte nach dem KI-Einsatz in der Medizin. Diagnosen und Therapien dürften Patienten nicht nüchtern und gleichförmig von Maschinen mitgeteilt werden. Sie wolle verständlich und einfühlsam erfahren, was mit ihr geschehe. Zwar könne KI Empathie simulieren, räumte Meier ein. Menschliche Zuwendung ersetze sie aber nicht.
Tempo der KI-Entwicklung könnte uns überrollen.

Ein Pädagoge fragte nach KI in studentischen Arbeiten. Auch hier gelte die „intellektuelle Souveränität“: Bei Prüfungen sei KI häufig ausgeschlossen; bei Haus- und Abschlussarbeiten müsse ihr Einsatz mit den Lehrenden abgestimmt und offengelegt werden. Ein Teilnehmer bezweifelte, dass Enzyklika oder Regulierung die Entwicklung bremsen könnten. Meier hielt weltweite Vereinbarungen und verbindliche Transparenzpflichten dennoch für sinnvoll.

Auch Zugangsbeschränkungen und digitale Ausweise kamen zur Sprache. Besondere Sorge galt den Schulen. Lehrkräfte müssten jungen Menschen einen sinnvollen Umgang mit KI vermitteln. Ein Familienvater und auch Meier selbst warnten: „Das Tempo dieser Entwicklung droht uns zu überrollen.“

Pfarrvikar Timon Odeny aus Kenia fasste eine zentrale Aussage des Lehrschreibens so zusammen: „Der Papst ist dagegen, Menschen aus Daten zusammenzubauen.“ Nutze er KI für seine Sonntagspredigt? Seine Antwort war entschieden: „Ich muss als Priester selber denken. Das mache ich mit dem Evangelium dogmatisch und pastoral. Dann muss ich meditieren – das kann KI nicht. Und sie hat kein Gefühl, keine Empathie: also alles ohne KI.“

Quelle: Von Thomas M. P. Schumann / Foto