Peteranderl: „Hohe Energiepreise und drohende Gasknappheit bereiten Sorgen“

Peteranderl: „Hohe Energiepreise und drohende Gasknappheit bereiten Sorgen“

(ka) Die hohen Energiepreise und drohende Gasknappheit beeinflussen auch die Konjunkturaussichten im bayerischen Handwerk. Die aktuelle Lage stellt sich aber noch vergleichsweise gut dar: Ende Juni wurde sie von 86 Prozent der befragten Betriebe als gut oder befriedigend bewertet – der gleiche Stand wie im Vorjahr. „Von einer kräftigen Konjunkturerholung kann jedoch keine Rede sein. Vor allem das Bauhauptgewerbe als Wachstumslokomotive des Handwerks läuft nicht mehr unter Volldampf. Die starken Preissteigerungen und die steigenden Zinsen könnten die Baukonjunktur abwürgen“, betont Franz Xaver Peteranderl, Präsident des Bayerischen Handwerkstages (BHT).

Die Betriebsauslastung im bayerischen Handwerk stieg im 2. Quartal 2022 gegenüber dem Vorjahreszeitpunkt leicht um 1 Punkt auf durchschnittlich 81 Prozent. Die Auftragssituation führte in Kombination mit der durch Fachkräftemangel und Materialengpässe gedeckelten Auslastung zu einem leichten Anstieg der Auftragsbestände. Im Durchschnitt hatten die Betriebe im Freistaat Ende Juni noch Aufträge für 11,2 Wochen in ihren Büchern – 0,5 Wochen mehr als zum gleichen Zeitpunkt des Vorjahres. Nach ersten Schätzungen wurden im 1. Halbjahr 64,8 Milliarden Euro umgesetzt, das ist im Vorjahresvergleich ein nominales Plus von 13 Prozent. Abzüglich der Preisentwicklung dürfte das reale Umsatzplus in den ersten 6 Monaten des Jahres bei 3,3 Prozent liegen. ----- Von April bis Juni gab es wenig Bewegung auf dem Arbeitsmarkt im bayerischen Handwerk. Nach einem leichten Rückgang im 1. Quartal blieben größere Nachholeffekte im Berichtszeitraum erneut aus. Nach ersten Schätzungen waren Ende Juni etwa 946.400 Personen in den Betrieben im Freistaat tätig. Gegenüber dem Vorjahresquartal legte die Beschäftigung damit leicht um 0,3 Prozent zu. Die Zahl der Handwerksbetriebe im Freistaat lag Ende Juni bei gut 208.800 – 0,2 Prozent mehr als vor einem Jahr. Die Bereitschaft der Betriebe, in Maschinen, Gebäude, Software und den Fuhrpark zu investieren, ist weiterhin stark ausgeprägt. Der Anteil investierender Unternehmen lag mit 37 Prozent nur 2 Punkte unter dem Wert für das 2. Quartal 2021. Nach ersten Schätzungen wurden im Berichtszeitraum etwa 840 Millionen Euro ausgegeben. Binnen Jahresfrist ist das ein Plus von 10,5 Prozent.

Die Konjunkturaussichten für den weiteren Jahresverlauf hängen ganz maßgeblich davon ab, ob und wie viel Erdgas Russland in den kommenden Wochen und Monaten liefert. Ein Lieferstopp und eine wie auch immer geartete Rationierung der noch vorhandenen Gasmenge würden die Wirtschaft zumindest kurzzeitig hart treffen. Im Handwerk wären energieintensive Gewerke wie das Lebensmittelhandwerk, Industriezulieferer oder die Textilreiniger stark betroffen. Mit Blick auf die kommenden Monate sind die bayerischen Handwerksunternehmen recht pessimistisch: Lediglich 8 Prozent erwarten eine verbesserte und 73 Prozent eine gleichbleibende Geschäftslage. Vor einem Jahr hatten diese Werte noch bei 14 und 75 Punkten gelegen. Peteranderl: „Für das Gesamtjahr erwarten wir im bayerischen Handwerk ein nominales Umsatzplus von 10 Prozent. Wie viel Umsatzwachstum angesichts der steigenden Preise unter dem Strich übrigbleibt, ist noch nicht absehbar. Bei den Beschäftigtenzahlen rechnen wir mit keiner Veränderung, die Investitionen dürften um 8-10 Prozent steigen.“

Nicht einverstanden ist das bayerische Handwerk mit dem vom Bundeskabinett beschlossenen Entwurf für ein Hinweisgeberschutzgesetz: Die Umsetzung der EU-Whistleblower-Richtlinie geht weit über das hinaus, was für die angemessene Interessenwahrung eines Hinweisgebers unter Berücksichtigung der Belange von Unternehmen verhältnismäßig ist. Der BHT-Präsident: „Die Regelungen bringen zusätzliche bürokratische Lasten für mittelständische Handwerksbetriebe. Darüber hinaus gerät der Betriebsfrieden nachhaltig in Gefahr, da die Möglichkeit zur vorrangigen innerbetrieblichen Klärung im Gesetzentwurf völlig außer Acht gelassen wird. Hier muss dringend nachgebessert werden.“ Die im Gesetzesvorhaben vorgesehene Regelung, nach der Unternehmen mit mindestens 50 Beschäftigten eine interne Meldestelle einrichten und betreiben müssen, betrifft in Bayern rund 2.500 Handwerksunternehmen.

Auch die Erhöhung des Zusatzbeitrags bei der Krankenversicherung um 0,3 Prozentpunkte stößt im Handwerk auf Kritik: „Wenn die 40-Prozent-Grenze bei den Sozialbeiträgen überschritten wird, trifft dies gerade das beschäftigungsintensive Handwerk besonders hart. Der Lohnkostenanteil in unserem Wirtschaftsbereich beträgt bis zu 80 Prozent. Jeder Euro mehr bei den Sozialabgaben erhöht die Kosten für unsere Betriebe und schmälert das Netto der Beschäftigten“, sagt Peteranderl. Der BHT fordert, die sozialen Sicherungssysteme in Deutschland von Grund auf zu reformieren und sie generationengerecht aufzustellen.

Viele Handwerksbetriebe mit energieintensiven Produktionsprozessen sind auf eine funktionierende Gasversorgung angewiesen. Eine schnelle Umstellung auf andere Energieträger ist in der Regel nicht möglich. „Deshalb müssen alle Möglichkeiten genutzt werden, um schon jetzt Gas zu sparen, die Speicherbefüllung zu erhöhen und die Versorgung im Winter sicherzustellen“, erklärt der BHT-Präsident, „auch die Nutzung der Atomkraft über das Jahresende hinaus darf keinesfalls ausgeschlossen werden.“ Das bayerische Handwerk fordert, aufgrund der derzeitigen Versorgungskrise die Energiepolitik in Deutschland grundsätzlich zu überdenken. Peteranderl: „Wir unterstützen die Ziele der Energiewende und des Klimaschutzes. Der Ausbau der erneuerbaren Energien und die Steigerung der Energieeffizienz sind richtig und müssen konsequent weiterverfolgt werden. Doch das allein reicht nicht: Als führende Wirtschaftsnation braucht Deutschland eine Energieversorgung, die nachhaltig, aber ebenso wirtschaftlich, versorgungssicher und krisenstabil ist und sich robust gegenüber unterschiedlichen wirtschaftlichen und geopolitischen Entwicklungen zeigt.“ Um die volatilen erneuerbaren Energien durch gesicherte Leistung in wind- und sonnenarmen Zeiten zu unterstützen, braucht es Technologieoffenheit und einen Rahmen, der marktwirtschaftliche Suchprozesse fördert sowie gezielte Investitionen in die Infrastruktur.

Ein Meilenstein für die duale Ausbildung im Handwerk sind die Pläne der Staatsregierung, die Berufliche Bildung verstärkt zu fördern. Für Zukunftsaufgaben wie die Energie- und Mobilitätswende brauchen die Betriebe zusätzlich Tausende qualifizierte Fachkräfte. Deshalb ist es wichtig, mehr junge Leute für eine Lehre zu gewinnen. „Mit einer verstärkten Berufsorientierung – vor allem an den Gymnasien – können wir den jungen Leuten aufzeigen, dass sie auch beruflich Karriere machen können, ohne vorher jahrelang im Hörsaal zu sitzen. Der von der Staatsregierung geplante ‚Tag des Handwerks‘ an den allgemeinbildenden, weiterführenden Schulen im Freistaat wird uns dabei helfen. Überaus erfreulich ist auch, dass die Staatsregierung eine Investitionsoffensive für die Bildungsstätten des Handwerks plant und die finanzielle Unterstützung der Überbetrieblichen Lehrlingsunterweisung (ÜLU) sicherstellt“, betont BHT-Hauptgeschäftsführer Dr. Frank Hüpers.

Knapp einen Monat vor dem Start des neuen Ausbildungsjahres gibt es im bayerischen Handwerk noch offene Lehrstellen quer durch alle Gewerke. Bis Ende Juli wurden im Freistaat rund 15.000 neue Ausbildungsverträge abgeschlossen. Gegenüber dem Vorjahr ist das ein Minus von 2,6 Prozent.

Quelle - Pressemitteilung Bayerischer Handwerkstag (BHT) -Jens Christopher Ulrich / Foto: Franz Xaver Peteranderl, Präsident des Bayerischen Handwerkstages (BHT)

 

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